Pfadfinderische Erziehung

Erziehen bedeutet ein Führen des jungen Menschen auf seinem Lebensweg, die Förderung seiner Anlagen und seines Charakters. Gleichzeitig bedeutet es Vermittlung und Weitergabe von Werten. Eine Erziehung ohne Wertebezug ist nicht möglich; das Ergebnis und die Auswirkungen mangelnder Wertevorstellungen bei der Erziehung lassen sich an den Zerfallserscheinungen der heutigen Zeit ablesen.

Gegenseitige Hilfe

Gegenseitige Hilfe

Kinder zu erziehen bedeutet für die Eltern oder den Erzieher immer auch, Mühe und Sorgfalt aufzuwenden. Es genügt nicht, Wertvorstellungen selbst nur verinnerlicht zu haben, man muß sie auch immer vorleben und bei den Kindern konsequent auf deren Umsetzung pochen. Dort, wo das Wohlwollen des Kindes durch Süßigkeiten oder Zugeständnisse im Videokonsum erkauft wird, findet keine Erziehung statt. Ebensowenig gibt es in der Erziehung einen Achtstundentag. Mangelnde Konsequenz wirkt sich da katastrophal aus.

Es ist immer wieder an unterschiedlichen Erziehungsmethoden herumexperimentiert worden. Erziehung findet in einem Spannungsfeld stetiger Entscheidung statt. Weder zu große Strenge noch ein Laissez-faire lassen das Kind sich so entfalten, daß aus ihm ein mündiger und verantwortungsbewußter Staatsbürger wird. Nur durch eine konsequente und ausgewogene Wertevermittlung kann Erziehung erfolgreich sein.

Die pfadfinderische Erziehungmethode, gestützt auf vier Punkte, greift auf einige einfache wie auch grundlegende Dinge zurück.

1. Pfadfindergesetz und -versprechen

Gesetz und Versprechen bilden die geistige Grundlage der Pfadfinderarbeit. Sie sind Wesensmerkmale des Pfadfindertums und unterscheiden dieses von allen anderen Jugendverbänden. Das Pfadfindergesetz mit seinen zehn Teilen vermittelt ethische Werte. Es dient dem jungen Menschen als Richtschnur für sein ganzes Leben und beschreibt somit auch den Charakter des Pfadfinders. So ist es keine unverbindliche Spielregel, die man „vielleicht“ oder „wenn man gerade Lust hat“ einhält.

Wer zu dieser Gemeinschaft gehören will, muß sich zu ihren Grundlagen und Zielen bekennen. Mit dem Ablegen des Versprechens verpflichtet sich der Pfadfinder freiwillig, nach diesem Gesetz zu leben. Das Versprechen ist darüberhinaus eine Verpflichtung zur Hilfsbereitschaft gegenüber dem Nächsten, dem Mitmenschen. Mit den Worten „… mein Bestes zu tun …“ ist hierbei bewußt eine Formulierung aufgenommen, die ein Versagen nicht zum Wortbruch stempelt, sondern vom Pfadfinder weiteren Einsatz und Bemühen fordert. So sind Gesetz und Versprechen der Pfadfinder heute aktueller denn je.

In der Verpflichtung, Gott zu dienen, enthält das Pfadfinderversprechen eine religiöse Festlegung. Diese erfordert, daß die Wertevorstellungen an den Prinzipien der Menschlichkeit und der Nächstenliebe gemessen werden, und verhindert damit einen Mißbrauch durch einseitige Auslegungen.

„Hier kann wieder die Pfadfinderei einspringen und mit ihrer deutlichen Erziehung zu Pflicht und Dienst am Nächsten helfen. Sie setzt zum Ziel, dem Knaben eine praktische Auffassung von den Verantwortlichkeiten des vor ihm liegenden Lebens zu geben, und ist bestrebt, die Anwendung seiner Religion in seinen täglichen Handlungen ihm einzuschärfen.“

(aus dem Buch „Pfadfinder“ von Lord Baden-Powell, dem Gründer der Pfadfinderbewegung, geschrieben 1908)

2. Learning by doing / Learning by trial and error

„Lernen durch Tun“, „Lernen durch Versuche und Irrtum“ gelten heute als Fachbegriffe in der Erziehungswissenschaft. Bereits vor hundert Jahren prägte Baden-Powell dieses Prinzip mit den Worten: „Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Erziehung liegt nicht so sehr darin, daß man den Zögling belehrt, als daß man ihn dazu bringt, selber zu lernen.“

Ein wichtiges Element ist also die eigene, praktische Erfahrung. Die Kinder und Jugendlichen sollen durch eigenes Tun ihren Erfahrungsschatz sammeln. Abenteuer werden selbst erlebt, nicht aus der Konserve konsumiert. Die einzelne Gruppe kocht gemeinsam, baut ihr Zelt selbst auf, bastelt oder erkundet die Natur.

Schwierigkeiten, die dann dabei entstehen, werden gemeinsam bewältigt. Dabei wird ein Sozialverhalten eingeübt, das den jungen Menschen befähigt, später verantwortungsbewußt in der Gesellschaft zu leben.

3. Sippensystem

Die Sippe, eine Bezeichnung für die Kleingruppe der Pfadfinder, besteht aus ca. acht Jungen und Mädchen. Der Sippenführer ist nur wenig älter als diese.

Ein unschätzbares Mittel der Charakterbildung besteht darin, jedem einzelnen Verantwortlichkeit zu übertragen. So erfährt jeder, daß der Zusammenhalt und Geist seiner Gruppe in gewissem Grad von seiner Tüchtigkeit und seinem Einsatz abhängt. Er übernimmt Aufgaben, die er zuverlässig für alle anderen ausführt, z.B. kümmert er sich um den Ball, das Seilmaterial oder die Erste-Hilfe-Tasche. Die Aufgabe des Gruppenführers besteht darin, die Fähigkeiten eines jeden Gruppenmitglieds kennenzulernen und zu fördern. Sein gutes Vorbild wirkt als Ansporn für seine Sipplinge, die versuchen werden, ihm nachzueifern.

4. Naturverbundenheit

Einfaches Leben auf Fahrt und Lager auch in den Widrigkeiten der Natur, bei denen man einmal nur mit dem Nötigsten auszukommen versucht, fordern einen bewußten Umgang mit der Natur. Dies führt zur Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis der jungen Menschen. Mit dieser Naturerfahrung reift dann das Verständnis für die Lebensbedingungen der Natur und tatsächlichen Umweltschutz, der sich nicht in Resolutionen erstreckt, sondern die Tat fordert. So ist der verantwortliche Umgang und die Pflege der Natur ebenfalls schon seit fast hundert Jahren ein fester Bestandteil pfadfinderischer Erziehung.

„Charakter und Persönlichkeit sind so zu entwickeln, daß die Pfadfinder durch Selbsterziehung wertvolle Bürger werden. …
In allen Ländern ist das Hauptziel der Pfadfinderausbildung das gleiche: Dienst am Nächsten.
Im Hinblick auf dieses gemeinsame Ziel, als „dienende Weltbruderschaft“ können wir unser Werk fördern und immer umfassender gestalten.“

(Abschiedsbrief Lord Baden-Powells, 1941)