Wo kommen wir her – Grundlage und Wurzeln

Pfadfindergruppe auf einer Wanderung

Pfadfindergruppe auf einer Wanderung

Die Inhalte und Ziele, Werte und Traditionen des Pfadfinderbundes Süd haben ihren Ursprung in der Jugendbewegung, wie sie um die Jahrhundertwende (18./19. Jdh.) in Deutschland entstanden ist. Gebildet wurde dieser „Aufbruch der Jugend“ damals durch drei unterschiedliche Strömungen:

Die deutsche Wandervogelbewegung

Hier bildeten vor allem ältere Schüler höherer Schulen Gruppen, die ohne feste äußere Formen, ohne „störenden“ Einfluß von Eltern und Lehrern, die Rückkehr zur Natur als natürliche Quelle unverbildeter Lebensweise suchten. Dabei wurde karges Leben auf Wanderungen, einfache Kleidung im Stil von Fahrenden und Vaganten als bewußter Kontrast gewählt zu dem sinnentleerten Spießbürgertum der damaligen Zeit.

Die Freideutsche Jugend

Eine Vielfalt aus Studentenvereinigungen und Jungenschaften, die vor allem die studentische Jugend umfaßte, und Anspruch auf die geistige Führung der Jugendbewegung erhob und zu der inzwischen auch Gruppen aus der Arbeiterbewegung gehörten. Innere Haltung fand ihre Entsprechung auch in fester äußerer Form und Ordnung.

Zu diesen beiden deutschen Ausprägungen der Jugendbewegung trat dann die zunächst aus England stammende, bald jedoch weltweit verbreitete Bruderschaft der Pfadfinder: Oft unter Anleitung von Erwachsenen, versucht die Pfadfinderidee, Jugendliche durch Erleben und Bewährung in kleinen Gruppen zu einem Leben nach den „Pfadfindergesetzen“ zu erziehen. Dies bedeutet Verantwortung gegenüber Gott und Vaterland, einen Dienst am Nächsten, geprägt von Hilfsbereitschaft, Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit, mit Respekt und Rücksichtnahme gegenüber Natur und Umwelt.
Diesen drei Jugendformen gemeinsam war in Deutschland der jeweilige Zusammenschluß aus der gleichen Bewegtheit der Herzen, zusammengefunden in einem Aufbäumen, ja beinahe in einem Kampf gegen eine gleichgültig gewordene und erstarrte Spießbürgerlichkeit. Als Ursache wie auch Katalysator ist die damalige Gesellschaftssituation zu sehen :

In den Jahrzehnten um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich dem forschenden Geist des Menschen eine ganz neue bis dahin unbekannte Welt erschlossen: das Wunder der Technik …

Aber die Gesellschaft versagte nicht selten bei dem Versuch einer sinnvollen Anwendung dieser neuen Hilfsmittel. Man benutzte sie als militärische oder soziale Waffe im Kampf um die Macht. Nur Geld verdienen wollten die Menschen mit all den neuen Erungenschaften. Sie rissen sich los aus alten Bindungen ihrer Landschaft, ihrer dörflichen Gemeinschaft und ihrer Familie und zogen zu Millionen in die neuen großen Fabrikstädte. So wurden sie zu einer wurzellosen Masse, die in dumpfen Mietskasernen lebte, und deren Kinder in finsteren Hinterhöfen aufwuchsen, ohne Sonne und Wind, ohne Wiesen und Wälder. Und in dieser kalten und beziehungslosen Welt der staubigen Fabrikhallen und muffigen Kneipen verloren die Menschen das Bewußtsein von Pflicht und Verantwortung des einzelnen in der menschlichen Gemeinschaft. Ein oberflächlich und veräußerlicht dahinlebendes Bürgertum schloß Auge und Ohr vor den Forderungen des Tages.

Der deutschen Jugend jedoch hatte sich um die Jahrhundertwende (18./19. Jdh.) eine tiefe Unruhe bemächtigt. Sie empfand unausgesprochen, was später der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset in die Worte faßte:

„Wir müssen uns vor der Todsünde derer hüten, die das 19. Jahrhundert beherrschen: vor ihrem mangelnden Verantwortungsbewußtsein. Wer sich von der Strömung eines günstigen Laufs der Ereignisse forttreiben läßt, unempfindlich gegen Gefahr und Drohung, die noch in der heitersten Stunde lauern, versagt vor der Verantwortung, zu der er berufen ist. Heute wird es notwendig, in denen, die sie fühlen können, eine Überempfindlichkeit für Verantwortung zu wecken …“

(Zitat aus : „Der Pfadfinderspiegel“ von Walther Jansen, 1. Auflage 1952)

Pfadfinder bei einer Besichtigung

Pfadfinder bei einer Besichtigung

Treffender als diese bereits 1952 erschienene Analyse der damaligen Zeit kann man auch die heutige Situation kaum beschreiben …

Alle drei Jugendformen – so unterschiedlich sie auch sein mochten – schufen damals durch ihre gegenseitigen Verflechtungen in Deutschland eine einzigartige Jugendbewegung, die kurz auch als „Bündische Jugend“ bezeichnet wird. Und trotz oder vielmehr gerade wegen ihrer unterschiedlichen Herkunftsformen waren die einzelnen Gruppen geprägt von einem hohen Maß an Toleranz, an Offenheit, an Rücksichtnahme, an Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Gruppen oder andersdenkenden Menschen.

Und unabhängig der mannigfaltigen Ausprägungen der äußeren Form waren sie in ihrem inneren Gehalt gleich : Im Ringen um Erkenntnis der eigenen Bestimmung, in ihrem Bemühen um eigene Charaktererziehung, in ihrem Bewußtsein ihrer Verantwortung sowohl für ihr eigenes Handeln wie auch für ihre Umwelt. Sie erkannten, daß Zucht (nicht etwa zu verwechseln mit Kadavergehorsam oder Obrigkeitshörigkeit !) und Haltung ein Gebot von innen war, und nicht Einschränkung der Freiheit, sonderen vielmehr Würde und Wesen des Menschen bedeuten. Und daß Tugenden wie Hilfsbereitschaft und Ritterlichkeit, Pflichtgefühl, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit für jede menschliche Gemeinschaft unabdingbare Voraussetzung sind.

So verwundert es nicht, daß bereits schon 1913 diese Jugendbewegung auf einem gemeinsamen überbündischen Treffen eine grundlegende Richtschnur für ihre Lebensformen herausarbeitete :

„Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben selbst gestalten.
Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.
Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.“

Merkmal jeder wahren Gruppe dieser „Bündischen Jugend“ war und ist fortan die freiwillige Bindung an diese gemeinsamen Werte und Ziele, die die inhaltliche Grundlage der jeweiligen Gemeinschaft, der Bündigung = Bund, bilden, und für deren Einhaltung das einzelne Mitglied durch eigenes Vorleben, als Vorbild , eintritt.

Derartige Charakterbildung und Förderung des „eigenen Denkens“ waren indes der Obrigkeit schon immer suspekt. So verwundert es kaum, daß die bündische Jugend zum Beispiel im Ersten Weltkrieg als „kritisch denkende und damit verdächtige Elemente“ in eigenen Einheiten zusammengefaßt wurde, um eine „Ansteckung“ anderer Truppenteile zu verhindern. Die Zeit des Nationalsozialimus brachte dann das staatliche Verbot für die gesamte Bündische Jugend; heimlich weiterbestehende Gruppen wurden verfolgt und so mancher Gruppenführer starb im Konzentrationslager.